Kurzgeschichten von Anne Wöckener-Gerber
Kurzgeschichten von Anne Wöckener-Gerber

Angekotzt

 

„Sooo, bambini!“, Peter, der Reiseleiter – von allen nur Petersdom genannt, erhob seine Stimme. Über die Köpfe der Reisegruppe, die in einem kleinen, ziemlich schlechten Lokal im Zentrum von Rom zu Abend gegessen hatte, rief er die zu sich, die auf den miesen Grappa und zu erwartende Abstürze einiger Mitreisender verzichten und lieber schon ins Hotel zurück wollten. „Simon, Jörg, Thorsten, Silvio und, ah, natürlich Gesa und Erik!“

Er legte eine Hand auf Simons Schulter. „Haltet euch an Simon! Er kennt den Weg. Er weiß, welche S-Bahn-Linie und welchen Bus ihr nehmen müsst. Buona notte!“

Simon verteilte die Tickets.

Die kleine Gruppe trat hinaus in den kühlen späten Abend. Simon mit seinen langen Beinen ging zügig voran, Silvio gesellte sich zu ihm und hielt Schritt. Jörg trödelte hinterher. Thorsten guckte die ganze Zeit auf den unebenen Gehweg, um wegen seiner Gleitsichtbrille nicht zu stolpern. Gesa und Erik – dicht nebeneinander – hielten Abstand.

An der Haltestelle zündete sich Simon eine Zigarette an und rauchte hastig. Er fror.

Jörg stieß laut auf. „Ich muss gleich kotzen. Scheiß fettige Carbonara!“, sagte er im Tonfall einer Entschuldigung.

Thorsten machte sicherheitshalber schon mal einen Schritt zur Seite. Dabei trat er Gesa auf den Fuß, die ihn im selben Moment anmaulte als hätte sie nur darauf gewartet: „Pass doch endlich mal auf!“

„Sorry, hab‘ dich nicht gesehen.“

Gesa drehte sich mit Unterstützung suchendem Blick zu Erik herum, der sie mitfühlend anguckte, aber dann nur mit den Schultern zuckte.

Simon stimmte „Bella ciao“ an. Thorsten klatschte den 4/4-Takt mit.

„Ist euch gar nicht schlecht?“, fragte Jörg in die Runde. „Erik? Du siehst auch voll käsig aus.“

Erik machte eine wegwischende Geste. „Schon ok.“

Der Bus bog um die Ecke und hielt. Er war fast leer. Die sechs stiegen ein und setzten sich in die Bänke hinter- und nebeneinander, nur Gesa blieb stehen und hielt sich an einer Stange fest. Der Bus fuhr an und rumpelte mit einem Höllentempo die kurvige Straße hinauf. Jörgs Gesichtsfarbe wurde blasser, Schweißperlen glitzerten in der flackernden Beleuchtung auf seiner Oberlippe. Er klammerte sich am Vordersitz fest.

„An der nächsten Station müssen wir aussteigen.“, sagte Simon.

Jörg atmete erleichtert aus.

„Nein, an der übernächsten.“, widersprach ihm Gesa.

„Das geht auch, dann müssen wir aber die unbeleuchtete Treppe hoch. Mir ist das egal.“, entgegnete Simon.

„Es ist aber kürzer.“, beharrte Gesa mit schneidender Stimme.

„Ich vertraue Simon. Ich steige an der nächsten Station aus.“, meldete sich Silvio und zog sich seinen aus Wollresten gestrickten Pullover wieder über.

Gesa belehrte Silvio: „Es geht nicht um Vertrauen. Es geht um Ortskenntnis.“

Jörg rülpste.

Silvio lachte.

Niemand hatte das Stop-Signal gedrückt. Der Bus fuhr an der Station vorbei. „Dann steigen wir an der Station aus, die Gesa vorgeschlagen hat.“, sagte Simon gähnend.

Thorsten hauchte an die Fensterscheibe, malte ein Herz in die beschlagene Fläche und schrieb G+E in die Mitte.

Simon drückte auf den Knopf mit STOP.

Der Busfahrer bremste scharf. Die Tür öffnete sich. Gesa stürzte als erste raus und lief in Richtung Hotel los. Erik drängelte sich an dem stöhnenden Jörg vorbei, um Gesa einzuholen.

Gesa kam nicht so schnell voran wie sie wollte. Wegen ihrer glatten Strumpfhose rutschte sie bei jedem Schritt aus den weichen Ballerinas. Erik war nach 20 Metern neben ihr, legte im Gehen seinen Arm um sie. Gesa ließ es sich gefallen. Er redete beruhigend auf sie ein. „Sch, sch, sch…“ hörten die anderen, die hinter Simon her trotteten.

Kurz vor der Treppe verlor Gesa einen Schuh, blieb abrupt stehen. Erik bückte sich nach ihm. Ihm wurde übel. Er erbrach sich über Gesas Füße.

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© Anne Wöckener-Gerber